Juli 30, 2025

Hallstatt im Regen – Warum dieser Tag unser Schönster war

Hallstatt im Regen? Klingt nach Pech – war aber unser schönster Tag! Erfahre, warum das idyllische Dorf gerade bei Regen seinen ganz besonderen Zauber entfaltet.
Hallstatt im Regen, Blick auf den See

Wie ein verregneter Tag in Hallstatt zu einem unvergesslichen Erlebnis wurde

Montagmorgen, Mitte Juni. Der Himmel über Salzburg hängt tief, die Wolken wirken wie festgetackert. Regen zieht über das Land, konstant, still, ohne Drama – aber auch ohne Pause. Auf dem Küchentisch liegt der Hallstatt-Plan, daneben die Wetter-App mit ihrer nüchternen Prognose: Regen, den ganzen Tag. Wir schauen einander an, schweigen. Lohnt es sich wirklich, loszufahren?

Die Vorstellung, stundenlang durch nasse Gassen zu gehen, mit beschlagenen Brillen und durchweichten Schuhen, klingt alles andere als romantisch. Und doch: Wir fahren los. Vielleicht, weil wir es versprochen haben. Vielleicht, weil wir hoffen, dass es doch anders kommt. Vielleicht, weil wir genau diesen Tag brauchen.

Was wir dann erleben, hat nichts mit typischen Reisetipps zu tun. Keine Menschenmengen, keine inszenierten Fotos, kein lautes Touristentreiben. Stattdessen: Nebel über dem stillen See. Tropfende Dachrinnen. Eine fast unwirkliche Ruhe.

Es wird ein Tag, der mit Zweifeln beginnt – und mit der Erkenntnis endet, dass Orte wie Hallstatt gerade im Regen ihre Seele zeigen. Still, rau, wunderschön.

Hallstatt Ufer im Regen

Ein grauer Montag im Juni – und die Zweifel

Es gibt diese Tage, an denen man lieber gar nicht aufsteht. Der Wecker klingelte um 06:30 Uhr, und draußen war nichts als Grau. Keine Struktur im Himmel, keine Hoffnung auf Licht. Nur ein gleichmäßiges Trommeln des Regens gegen das Fenster. Noch im Halbschlaf checkten wir die Wetter-Apps – es war eindeutig: Regenwahrscheinlichkeit 98 %, durchgehend von morgens bis abends. Und nicht nur leichter Nieselregen – sondern beständig, flächendeckend, kompromisslos.

Wir hatten den Ausflug nach Hallstatt vor Tagen geplant. Es war einer dieser Montagsausflüge, auf die man sich am Wochenende einstellt – raus aus dem Alltag, rein in die Natur, Fotos machen, Seeluft schnuppern, durch Gassen schlendern. Und jetzt? Jetzt standen wir in der Küche, müde, schweigend. Einer von uns sagte: „Vielleicht sollten wir’s lassen.“ Der andere schwieg. Niemand wollte der Spielverderber sein, aber auch niemand der nasse Märtyrer für eine verregnete Insta-Story.

Doch irgendetwas hielt uns am Plan fest. Vielleicht war es das Wissen, dass wir den Tag ohnehin freigehalten hatten. Vielleicht war es Trotz. Oder leise Hoffnung, dass das Wetter „vielleicht gar nicht so schlimm“ sein würde – dieser klassische Selbstbetrug, den man sich vor jedem verregneten Urlaubstag vorsagt.

Also packten wir unsere Jacken, suchten zwei halbwegs funktionierende Regenschirme und fuhren los. Der Weg von Salzburg nach Hallstatt dauert gut 1,5 Stunden – je nachdem, ob man die Landstraße nimmt oder die Autobahn. Wir entschieden uns für die schönere Route durchs Salzkammergut, auch wenn sie länger dauert. Wenn schon Regen, dann wenigstens mit Aussicht.

Der Himmel blieb eisern. Auf der Fahrt redeten wir kaum. Das Radio lief, es war eine dieser melancholischen Vormittagssendungen. Als wir am Hallstätter See entlangfuhren, sah man kaum zehn Meter weit – der Nebel lag dicht über dem Wasser, als würde er alles, was kommt, verbergen wollen. Kurz vor neun rollten wir auf den fast leeren Besucherparkplatz am Ortseingang. Keine Reisebusse, keine Grüppchen, keine Hektik. Nur Regen. Und wir.

Wir saßen noch eine Minute im Auto, Motor aus. Beide starrten auf die Windschutzscheibe, auf der der Regen rhythmisch klopfte. Und dann – fast gleichzeitig – griffen wir nach unseren Jacken, klappten die Türen auf und traten hinaus.

Der Tag konnte beginnen.

Hallstatt Seeblick mit Regen und Wolken

Ankunft in Hallstatt – Nebel über dem See

Die Straße führt langsam hinunter zum See, vorbei an Felsen, dichten Bäumen und kleinen Holzhütten mit moosbewachsenen Dächern. Je näher wir Hallstatt kommen, desto stiller wird es. Keine hupenden Autos, kein Gedränge – nur der gleichmäßige Regen, der auf die Windschutzscheibe trommelt. Um exakt 09:00 Uhr biegen wir in die letzte Kurve, und plötzlich liegt es vor uns: das berühmte Hallstatt – oder besser gesagt, eine verschwommene Silhouette davon.

Was man sonst von Postkarten kennt – den ikonischen Blick auf See, Kirchturm und Holzhäuser – ist heute in Nebel gehüllt. Die Farben sind gedeckt, als hätte jemand einen weichen grauen Filter über alles gelegt. Statt scharfer Kontraste gibt es weiche Übergänge. Statt Sonne gibt es Stimmung.

Der Parkplatz ist fast leer. Zwei Autos stehen da, ein Kleinbus mit tschechischem Kennzeichen. Kein Gedränge an der Schranke, keine Touristenbusse mit Guides, die Fahnen in die Höhe halten. Wir steigen aus, ziehen die Kapuzen unserer Jacken über den Kopf, öffnen den Regenschirm. Der erste Schritt auf den feuchten Asphalt fühlt sich seltsam ruhig an – als hätte der Ort einen Gang zurückgeschaltet.

Der Weg ins Zentrum führt entlang des Sees. Normalerweise muss man sich hier durch Fotogruppen und Posierende schlängeln. Heute: nur das Plätschern des Regens und das gelegentliche Rascheln von Blättern. Der See liegt wie ein schwarzer Spiegel vor uns. Keine Wellen, keine Boote – nur ein stilles, dunkles Wasser, aus dem sich ab und zu Nebelschwaden erheben. Die Berge auf der anderen Seite sind nur zu erahnen. Es ist, als würde Hallstatt heute absichtlich einen Schleier tragen.

Ein alter Mann kommt uns entgegen, in Gummistiefeln, mit einem Korb in der Hand. Er grüßt kurz, nickt – kein Wort. Hier redet man nicht viel, wenn es regnet. Man nimmt’s hin.

Wir gehen weiter Richtung Zentrum. Die ersten Häuser tauchen auf – Fachwerk, Holz, Schieferdächer. Tropfen perlen an den Fenstern. Es riecht nach feuchtem Holz und kalter Luft. Die Regenjacke hält, der Schirm tut seinen Dienst. Es ist nicht kalt, nur frisch. Und erstaunlich angenehm.

An einer kleinen Brücke bleiben wir stehen. Von hier aus sieht man den berühmten Hallstatt-Blick – zumindest normalerweise. Heute nur Konturen, verschwommene Linien, als hätte jemand das Foto auf Aquarellpapier gedruckt. Und doch: Es ist wunderschön. Auf eine ruhige, entschleunigte Weise. Kein Lärm, kein Touristenrummel – nur Hallstatt, der See, der Regen. Und wir.

Hallstatt Postkartenbild im Regen und Nebel

Durch die Gassen – Hallstatt fast für uns allein

Wir betreten den historischen Ortskern, und sofort verändert sich die Atmosphäre. Die engen Gassen, die sonst voller Stimmen, Schritte und gezückter Smartphones sind, gehören an diesem Vormittag fast nur uns. Der Regen hat den Andrang vertrieben – und uns einen seltenen Moment geschenkt: Hallstatt pur.

Das Kopfsteinpflaster glänzt dunkel, nasse Balken ziehen sich an den Fachwerkhäusern entlang, und selbst die Schilder der Souvenirshops wirken stiller als sonst. Einige Geschäfte sind geöffnet, andere noch geschlossen. Überall tropft Wasser von den Dachrinnen, rinnt leise über Holzfassaden und sammelt sich in Rillen entlang der Gehwege.

Wir gehen langsam. Der Regenschirm schützt uns, aber wir schauen oft über den Rand hinweg, weil so vieles auffällt, was man sonst übersieht. Ein Haus mit geschnitztem Giebel, in dem sich kleine Szenen aus dem Leben der Bergleute abzeichnen. Ein Fenster mit Spitzengardinen, auf der Fensterbank zwei kleine Figuren – ein altes Ehepaar aus Porzellan, leicht angestaubt. Und überall Blumenkästen. Der Regen macht ihre Farben kräftig, satt, lebendig. Rot, Gelb, Lila – als ob sie dem grauen Himmel trotzen wollen.

Ein junger Mann lehnt in einem Hauseingang, raucht, schaut auf sein Handy. Als wir vorbeigehen, blickt er kurz hoch, nickt knapp. Ein Gruß unter Fremden, die wissen: Heute ist kein Tag für große Worte.

Wir passieren den kleinen Marktplatz. Kein Trubel, kein Selfie-Stick, keine Gruppen. Nur das Plätschern des Brunnens in der Mitte, das Klappern einer losen Fensterläden im Wind. Wir setzen uns auf eine der Bänke. Nass? Ja. Aber egal. Die Aussicht auf die leergefegten Gassen, auf die bunten Häuser und das sanfte Licht, das sich durch den Nebel drückt – das alles ist mehr wert als trockene Hosenbeine.

Dann spazieren wir weiter, ohne Ziel, ohne Plan. Einfach treiben lassen. Hallstatt zeigt sich heute nicht in Posen, sondern in Zwischentönen. Kein Ort für Schnelligkeit. Ein Ort zum Atmen. Zum Sehen. Und zum Fühlen.

Wir bleiben stehen, wo wir wollen. Kein Gedränge. Kein Weitergeschobenwerden. Für einen Moment fühlt es sich so an, als hätte Hallstatt gewartet – auf einen Tag wie diesen. Und auf Besucher, die zuhören können.

Hallstatt im Regen und Nebel

Begegnung mit Einheimischen – und ein heißer Kaffee

Nach einer halben Stunde ziellosen Schlenderns verspüren wir zum ersten Mal eine gewisse Kälte. Die Jacken halten viel ab, aber nicht alles. Unsere Schuhe sind an den Rändern feucht, und die Finger beginnen langsam auszukühlen. Zeit für eine Pause. Zum Glück entdecken wir auf halbem Weg zwischen Marktplatz und Seeufer ein kleines Café, das geöffnet hat. Ein unscheinbarer Eingang, ein handgeschriebenes Schild: „Kaffee & Kuchen – heute auch heißer Hollersaft“.

Wir schieben die Tür auf, ein kleines Glöckchen klingelt über uns. Drinnen ist es warm, leicht dunstig, gemütlich. Holzbalken an der Decke, karierte Tischdecken, ein paar Einheimische in dicken Pullovern, die sich leise unterhalten. Der Raum riecht nach frisch gebackenem Apfelstrudel, Kaffee und feuchtem Holz.

Hinter der Theke steht eine ältere Dame mit weißem Haar und hellblauer Strickjacke. Sie begrüßt uns mit einem leisen, aber freundlichen „Grüß Gott“ und fragt: „Zwei Kaffee? Oder wollt’s ihr was Warmes mit Holler?“ Wir entscheiden uns für beides. Kaffee für den Kopf, Hollersaft für die Hände.

Während wir auf unser Getränk warten, schauen wir aus dem Fenster. Die Fensterscheiben sind beschlagen, doch man erkennt vage die Umrisse des Sees, der sich weiterhin in Nebel hüllt. Tropfen laufen langsam die Scheibe hinunter, während drinnen der Ofen knackt.

Die Dame bringt unsere Tassen persönlich zum Tisch. „Heut ist’s ruhig. Nur Sie und noch zwei Gäste vorher. Sonst ist’s um die Zeit viel los.“ Sie bleibt kurz stehen, schaut raus, dann zu uns. „Aber ich mag’s so lieber. Hallstatt hat im Regen was Friedliches.“

Wir nicken. Und für einen Moment reden wir einfach. Nicht über Touristenrouten oder Sehenswürdigkeiten. Sondern über den Ort. Über das Wetter. Über das, was sich in Hallstatt verändert hat in den letzten Jahren. Sie erzählt, dass früher um diese Zeit fast niemand kam. „Regen oder nicht – das war einfach zu früh für Tourismus.“ Heute sei das anders. Außer eben an solchen Tagen.

Der Kaffee wärmt uns. Der Hollersaft duftet intensiv – süß, aber kräftig. Die Gespräche um uns herum bleiben leise. Kein Lärm, kein Gedränge. Nur dieser kleine Moment der Einkehr. Kein geplanter Programmpunkt. Aber ein echter.

Als wir das Café verlassen, hat sich nichts geändert – es regnet noch immer. Und doch fühlt sich alles anders an. Als hätte man Hallstatt kurz durch die Augen eines Menschen gesehen, der wirklich hier lebt.

Mann steht in Hallstatt im Regen mit Regenschrim

Kleine Entdeckungen, die man im Sonnenschein übersieht

Zurück auf der Straße verändert sich unser Blick. Es ist, als hätte der kurze Aufenthalt im Café eine neue Linse über unsere Wahrnehmung gelegt. Vorhin waren wir einfach nur Gäste mit Schirmen. Jetzt sind wir Beobachter. Aufmerksam. Offen. Und plötzlich sehen wir Dinge, die man im normalen Trubel gar nicht bemerkt.

Da ist dieser schmale Durchgang zwischen zwei Häusern, kaum breiter als ein Mensch. Eine hölzerne Tür mit Eisenbeschlägen, halb verborgen hinter einem Weinstock, der sich am Mauerwerk hochzieht. Am Rand des Dachs hängt eine alte Regenrinne – sie tropft regelmäßig in einen kleinen Steintrog darunter, als hätte jemand ein Metronom installiert.

Wir biegen um eine Ecke und entdecken eine Treppe, die leicht nach oben führt. Links und rechts wild wachsende Pflanzen, moosige Steine, und am Ende eine winzige Sitzbank aus verwittertem Holz. Von dort aus hat man einen Blick über die Dächer – oder besser gesagt: über die Dachränder, die in Nebel verschwinden. Ein Bild, das man nicht posten, sondern nur erleben kann.

Ein paar Häuser weiter ein kleiner Garten – abgetrennt durch einen schiefen Holzzaun. Darin: Zwei Gänse, ein rostiges Fahrrad und ein Apfelbaum mit noch winzigen Früchten. Das Gras ist hoch, wild, nass. Aber es wirkt nicht ungepflegt. Sondern lebendig.

Auch an den Fenstern entdecken wir Geschichten. Da ein gerahmtes Foto eines Bergmanns mit Spitzhacke, daneben ein getrockneter Blumenstrauß. Ein Fenster weiter: Gebastelte Papiersterne, obwohl Weihnachten längst vorbei ist. Vielleicht hat hier jemand einfach keine Lust, sie abzunehmen. Vielleicht hängen sie einfach aus Trotz gegen die Routine.

Wir gehen an einer alten Mauer vorbei. Das Wasser läuft in kleinen Rinnsalen daran herab. Ein grüner Film zieht sich über die Steine, dazwischen leuchten kleine Flechten in Gelb und Blau. Der Regen bringt all das hervor – er ist kein Feind der Farben. Im Gegenteil: Er macht sie sichtbarer.

Dann entdecken wir eine winzige Tür. Unter Kniehöhe. Keine Beschriftung, kein Hinweis. Nur Holz und Eisen. Vielleicht war das mal ein Lagerraum. Vielleicht ein Zugang zum Keller. Vielleicht einfach ein vergessenes Stück Geschichte. Es ist egal. Es ist schön, dass es da ist.

Wir gehen weiter, ohne zu sprechen. Jeder für sich, aber gemeinsam. Es ist, als würde Hallstatt heute mit uns flüstern. Nicht laut. Nicht offensichtlich. Sondern durch seine kleinen, stillen Geschichten. Und nur wer stehen bleibt, kann sie hören.

Hallstatt: Touristen verstecken sich vom Regen

Die Magie der Stille – am Seeufer entlang

Nachdem wir durch die Gassen geschlendert sind, zieht es uns wieder ans Wasser. Der Regen ist schwächer geworden, feiner – fast nur noch ein Nieseln. Der Himmel bleibt bedeckt, aber heller als am Morgen. Es ist früher Nachmittag, und trotzdem wirkt es wie Abend. Die Zeit verliert hier an Bedeutung.

Wir folgen dem Uferweg, der sich am südlichen Ende des Ortskerns entlangschlängelt. Normalerweise ist das einer der belebtesten Orte in Hallstatt. Menschen stehen auf dem Holzsteg, machen Fotos, halten Selfie-Sticks in die Höhe, lachen, rufen sich zu. Heute: niemand. Wirklich niemand. Nur wir. Und das leise Plätschern des Sees.

Der Hallstätter See liegt still da, beinahe regungslos. Die Oberfläche ist leicht gekräuselt, aber glatt genug, um die Wolken zu spiegeln. Man sieht keine Boote, keine Wellen – nur einen Kormoran, der mit ausgebreiteten Flügeln auf einem Pfosten sitzt. Die Berge ringsum sind nur in Teilen zu sehen, ihr unterer Bereich von Nebel verschluckt, der obere vom diffusen Licht umhüllt.

Wir bleiben stehen. Lehnen uns ans Geländer des Stegs. Unter uns das dunkle Wasser, darin ein paar fallende Tropfen, die kleine Kreise ziehen. Und dann – nichts. Kein Wind. Keine Stimmen. Nur der Moment.

Es gibt Reisen, auf denen man möglichst viel sehen will. Und es gibt Reisen, auf denen man plötzlich merkt, dass man gar nichts sehen muss – weil das, was ist, schon vollkommen reicht. Das hier ist so ein Moment. Es fühlt sich an, als hätten wir das Dorf für uns allein. Als hätte sich der ganze Ort für ein paar Stunden entschlossen, durchzuatmen. Und uns mitzunehmen.

Am Rand des Weges entdecken wir eine Bank. Natürlich nass. Natürlich setzen wir uns trotzdem. Das Holz ist kühl, feucht, aber es ist egal. Die Aussicht ist unbezahlbar. Wir schweigen. Nicht, weil es nichts zu sagen gäbe – sondern weil es nichts zu sagen braucht.

Eine Entenfamilie paddelt vorbei. Das Wasser teilt sich vor ihnen wie Seide. In der Ferne schlägt eine Kirchenglocke. Drei Mal. Es ist dreizehn Uhr.

Der Regen wird kurz stärker, dann wieder schwächer. Wir ziehen die Jacken enger, der Schirm bleibt geschlossen. Wir wollen es spüren. Die Kälte auf der Haut, den Duft des Regens, den Rhythmus der Tropfen auf den Blättern. Diese Stille ist keine Abwesenheit von Geräusch – sie ist ein eigener Klang.

Ein Mann joggt vorbei, in Kapuze und mit Kopfhörern. Er hebt die Hand zum Gruß, wir nicken. Drei Sekunden Begegnung, dann wieder Ruhe.

Wir sitzen noch lange. Vielleicht eine halbe Stunde. Vielleicht mehr. Die Zeit ist heute ein anderes Wesen – sie drängt nicht, sie fordert nichts. Sie ist einfach nur da. Und wir sind mit ihr.

Hallstatt bewölkt mit Blick auf die Berge

Kurz zur Aussichtsplattform – und zurück durch den Regen

Wir überlegen kurz: Sollen wir zum Skywalk hinauf? Es ist einer der berühmtesten Aussichtspunkte Österreichs – ein freischwebender Steg hoch über Hallstatt, von dem aus man bei klarem Wetter das gesamte Dorf, den See und die umliegenden Berge überblicken kann. Doch heute… ist alles in Nebel gehüllt. Und das ist nicht schlimm. Denn gerade dieser Umstand macht den Reiz aus.

Wir entscheiden uns, zumindest ein Stück des Weges zu gehen – nicht mit der Standseilbahn, sondern zu Fuß. Der Pfad schlängelt sich am Ortsrand entlang, erst vorbei an Wohnhäusern, dann in den Wald hinein. Der Regen wird wieder stärker, aber wir sind vorbereitet. Unsere Schuhe sind inzwischen zwar durchnässt, doch mit jedem Schritt stört uns das weniger.

Der Aufstieg ist ruhig, kaum jemand begegnet uns. Nur der Klang von Wasser: Tropfen auf Blättern, kleine Rinnsale, die über den Weg laufen, das Gluckern eines Bachs, der den Hang hinabfließt. Man hört Vögel. Und das eigene Atmen. Und sonst… nichts.

Die Bäume stehen dicht, ihre Äste tropfen rhythmisch. Hier oben wirkt der Regen intensiver, ursprünglicher – als wäre er Teil des Waldes. Die Steine sind rutschig, aber der Weg ist gut zu gehen. Keine Menschen, keine Geräusche von unten. Nur Natur.

Etwa auf halber Höhe bleiben wir stehen. Zwischen den Stämmen bietet sich ein Blick auf den See. Oder besser: auf das, was davon sichtbar ist. Eine Fläche aus Licht und Nebel, in der man keine klare Grenze zwischen Himmel und Wasser erkennt. Es ist kein klassischer Aussichtspunkt – und doch wirkt er eindrucksvoller als jedes Postkartenmotiv.

Wir beschließen, den Rest des Weges heute nicht zu machen. Nicht, weil wir zu müde wären – sondern weil es nicht nötig ist. Der Ort hat uns schon genug gegeben. Und manchmal ist der halbe Weg der ganze.

Der Rückweg führt uns über einen kleinen Seitentrampelpfad zurück ins Dorf. Der Regen begleitet uns weiter, aber er fühlt sich jetzt nicht mehr störend an – eher wie eine ständige Erinnerung daran, dass dieser Tag anders ist. Ehrlicher. Reiner. Und genau richtig.

Zurück im Ort holen wir uns noch schnell einen Tee to go. Die Dame aus dem Café erkennt uns wieder, winkt freundlich. Dann geht’s langsam zurück Richtung Parkplatz. Und obwohl wir eigentlich nur ein paar Stunden hier waren, fühlt es sich an wie ein ganzer Tag – voll mit Eindrücken, Bildern, Momenten. Ganz ohne Tourprogramm. Ganz ohne To-do-Liste.

Nur mit Regen. Und uns. Und Hallstatt.

Hallstatt Gebetsplatz Katholisch

Warum Regentage oft die besten sind

Wieder am Auto angekommen, lassen wir die Türen für einen Moment noch offen. Der Regen prasselt leise auf das Dach, während wir unsere nassen Jacken ablegen. Die Heizung läuft, die Hände sind kalt, die Füße durchnässt – und trotzdem haben wir beide ein Lächeln im Gesicht.

Was eigentlich als enttäuschender, grauer Ausflug begann, hat sich zu einem der stimmungsvollsten Tage unserer Reise entwickelt. Kein Sonnenschein, keine klare Sicht vom Skywalk, kein typischer „Instagram-Spot“ bei blauem Himmel. Und trotzdem – oder gerade deshalb – war es ein perfekter Tag.

Hallstatt im Regen ist nicht weniger fotogen. Es ist nur… ehrlicher. Der Ort zeigt sich anders, wenn der Lärm der Welt durch das Wetter ausgeblendet wird. Ohne Selfie-Sticks, ohne Gedränge, ohne die Hetze von einem Fotopunkt zum nächsten. Stattdessen: kleine Begegnungen, stille Beobachtungen, unvergessliche Momente.

Wir haben uns treiben lassen, ohne Plan. Haben gesehen, wie der Regen Farben verändert. Wie er Mauern lebendiger macht, Balkone zum Glänzen bringt, Gerüche intensiviert. Wir haben gespürt, wie sich der Ort anfühlt, wenn er nicht zur Kulisse wird, sondern zum Raum, der atmet.

Und vielleicht war das das größte Geschenk dieses Tages: nicht nur Hallstatt zu sehen, sondern es zu erleben.

Wer Hallstatt besucht, sollte auf schönes Wetter hoffen – klar. Aber wenn es regnet, sollte man nicht absagen. Im Gegenteil: Vielleicht ist gerade dann der richtige Moment. Mit einer Jacke, einem Schirm und ein bisschen Offenheit kann man einen Ort entdecken, den andere übersehen. Einen Ort, der im Regen langsamer wird. Sanfter. Echter.

Als wir losfahren, ist der See hinter uns schon wieder vom Nebel verschluckt. Die Straße ist leer, die Tropfen auf der Windschutzscheibe tanzen. Und wir fahren mit dem Gefühl zurück, einen Ort erlebt zu haben, der heute nicht für die Welt aufgetreten ist – sondern nur für uns.